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Essay: Krieg spielen

Hinweis: Dieser Essay befasst sich nur indirekt mit Star Citizen.

Der Krieg musste es uns ja bringen, das Große, Starke, Feierliche.

Das Buch „In Stahlgewittern“ basiert auf dem Tagebuch von Erst Jünger (1895-1998) und beschreibt dessen Alltag an der Front – in den Schützengräben Frankreichs. Der Feind ist der Engländer. Aber es ist kein „böses Feindbild“ das Jünger zeichnet. Der Feind ist kein Abschaum, er ist ein Mensch. Mancher gar ein britischer Gentleman. Diese Lebensabschnittsgeschichte von Jünger wirkt real – ich denke sie ist es auch. Fasziniert hat mich am Buch, dass der Autor den Krieg als solchen nicht verteufelt. Er stellt seinen Sinn zwar in Frage, aber es ist keine pazifistische, ständig mürrische und verurteilende Zeigefingerfabel. Man kann sich gut in den Soldaten und seine Kameraden hinein versetzen – ein plastischer Alltag an der Front entsteht.

Auch kann ich durch die Erzählung gut begreifen wie so mancher Frontscherz über die Stränge schlägt um das Erlebte, den Wahnsinn, besser zu verarbeiten. Ein heutiges Beispiel wären hierzu Soldaten in ihrem Hubschrauber die grölend und mit derbem Humor auf flüchtende Einheimische schießen. Die moralischen Werte sind hier natürlich längst verblasst. Die Werte die irgendwie auch für den Krieg selbst verantwortlich sind – oder zumindest dazu gemacht wurden. Aber Szenen wie diese zeigen, dass diese rohe und sinnlose Gewalt nicht anders bestanden und überstanden werden können. Warum? Weil der Mensch nicht für diese Grausamkeiten geschaffen ist? Nein. Der Mensch dürstet schon immer nach Blut, Schmerz und Vernichtung… damals wie heute.

Ein widriger Geruch nach Leichen lagerte über der eroberten Gegend, bald mehr, bald weniger intensiv, immer aber die Nerven erregend und in eine Stimmung phantastischer und ahnungsvoller Unheimlichkeit hüllend.
„Offensiv-Parfüm“ erscholl neben mir die Stimme eines cynischen alten Kriegers, als wir einige Minuten lang eine Allee von Massengräbern zu passieren schienen.

Was fasziniert uns daran das Blut spritzen zu sehen? Die letzten Zuckungen eines sich krümmenden Körpers? Wir wenden uns ab – auch in Gedanken. Unser geistiges Auge schließt sich, verschließt sich, vor dieser Vorstellung. Dem Leiden, der Qualen. Doch – wir stellen uns immer wieder, mehr oder weniger gerne Szenen wie diesen. Ein Film zur Primetime ohne mindestens einen Toten gibt es selten. Computerspiele wie Call of Duty, Battlefield oder Star Citizen haben beste Absatzzahlen und ihre Prognosen stellen andere Spielegenres in den Schatten.

Obgleich ich mir der Geschichte und der Grausamkeiten des Krieges durch die Erfahrungsberichte von Ernst Jüngers bewusst bin. Obwohl ich darin nichts Gutes, Bewundernswertes fand – nichts was ich gerne erlebt hätte – ein Gefühl, das ich beneidet hätte… nichts was seinen Platz in der Geschichte wert gewesen wäre… – freue ich mich auf Star Citizen Star Marine. Ich habe keinen Hang zur Gewalt, ich habe mich noch nie mit jemandem ernsthaft geprügelt. Und da ich grundsätzlich in jeder menschlichen Handlung, Aktion, eine logische Reaktion sehe – und versuche diese zu verstehen, wird das vermutlich auch nie geschehen.

Doch worin liegt hier die Logik? Es begeistert mich nicht wie das Blut spritzt. Es sind nicht die römischen Arenakämpfe. Ich ergötze mich nicht an der roten Scharfschützenwolke. Ich habe mich an meine Jugend erinnert – in der wir viele Stunden mit Battlefield verbracht haben. Im Team haben wir gemeinsam gekämpft, wir haben gebangt und gebetet. Wir haben Erfolge gefeiert und Niederlagen gemeinsam verschmerzt und überwunden. Wir haben Taktiken getestet, den Feind überrannt – uns Rückendeckung gegeben… Wie nah bin ich Jünger, wenn er von seinen Kameraden spricht? Ist dies die Erfahrung, den Reiz, den wir suchen? Die Kameradschaft? Die Brüderlichkeit im Angesicht des Todes? Auch wenn sich in Shootern nur Pixel sich rot färben und nur ein kleiner Speicherbaustein von 1 auf 0 springt, so ist das Adrenalin da das Fremde zusammenschweißt wie enge Freunde. Ein eisernes Band geschmiedet in Höllenflammen?

Als ich mich den Quartieren näherte, liefen mir die Leute entgegen, nahmen mir meine Sachen ab und empfingen mich im Triumph. Es war, als ob ich in den Kreis einer Familie zurückkehrte.

Wenn es nur ums Adrenalin geht, warum zocke ich dann kein FIFA? Warum spiele ich kein Golf, warum fahre ich keine Autorennen oder spiele andere Sportspiele? Vielleicht ist es die Furcht vor dem Tod. Vielleicht beschäftige ich mich mit dem Tod – vielleicht verarbeite ich ihn so. Vielleicht haben wir diesen derben Humor und freuen uns im Unterbewusstsein, dass wir im realen Leben gerade eben nicht gestorben sind – sondern nur der von uns gesteuerte Pixelhaufen. Ein Gefühl der Erleichterung. Vielleicht.

Ich danke Ernst Jünger dafür dass er uns an seiner Lebensabschnittsgeschichte teilhaben ließ und mir neue Impulse gegeben hat. Ein Impuls im Gedankendomino…

Alle obigen Zitate entstammen dem Buch „In Stahlgewittern“ von Ernst Jünger.
Weiterführendes: „In Stahlgewittern“ kostenlos online lesen oder Infos über Ernst Jünger.
E. Jünger ist aus dem polit-historischen Kontext heraus eine diskutierte Persönlichkeit. Darauf möchte ich jedoch gar nicht eingehen, weil es für das Thema hier nicht von Bedeutung ist. Nur um etwaige Zweifel aus dem Weg zu räumen: ich hege keinerlei Sympathien für den rechten Rand. [tac]

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4 Kommentare

  • Himmselbuster
    Himmselbuster

    Das sind durchaus interessante Gedanken, die Du da äußerst! Warum sind Kriegsspiele so faszinierend? Ja, Adrenalin spielt bestimmt eine Rolle, aber das kann man auch bei Rennspielen oder Ähnlichem haben. Ich mag es überhaupt nicht, wenn ich in Spielen a la CoD das Gefühl der Unbesiegbarkeit habe und dutzende Feinde gleichzeitig vernichte. Vielmehr bringt es mir was, wenn Computerspiele „realistisch“ sind, wenn ich bei Arma durchs Gebüsch schleiche, ständig die Gefahr vor Augen, wenn beim Dogfight in IL2, DCS oder RoF die gegnerische Salve das eigenen Cockpit gerade so verfehlt. Da wird mir der Sieg nicht geschenkt, da wird er nicht inflationär und irgendwann langweilig.
    Das Selbe erwarte ich von Star Citizen, denn ich hoffe sehr, dass es KEINE Rücksicht auf CoD-Spieler und dergleichen nimmt, dass man sich wirklich einarbeiten muss um dieses Spiel zu meistern. Nur dann kann SC meiner Meinung nach das „wirkliche“ Leben im All simulieren.

  • FRICE

    Sehr schöner Artikel!

    Man kann sich natürlich nun fragen, ob so ein Artikel auf dieser Seite auftauchen muss, da es ja thematisch nicht direkt zu einer reinen SC-Freizeit-Fan-Seite passt. Allerdings finde ich persönlich es sehr gut, auch einmal diesen Aspekt zu hinterfragen. Sehr schön finde ich auch, dass der Artikel keine schwarz/weiß Malerei betreibt, wie die öffentlichen Medien beim Thema Computerspiele.

    Für mich bereichert dieser Artikel Eure Seite – vielen Dank dafür!

  • micderjaeger

    Ein guter Artikel, der einfach zum nachdenken anregt.
    Wenn mann das ganze so betrachtet ist unser ganzes Leben sowieso schon mit Kämpfen Tod und Leichen die wir hinterlassen gepflastert.
    Ich meine jetzt nicht unbedingt die aus Kriegen sondern mehr die Leichen unseres Alltags (Wo des einen Sieg da des anderen Niederlage)
    Wir können uns nur Glücklich schätzen nicht (Oder noch nicht den ein Krieg ist schnell vom Zaun gebrochen)
    vom Krieg direkt betroffen zu sein.
    Aber der Überlebenskampf steckt nun mal in allem was lebt (das beginnt schon während der Zeugung), aber nur der Mensch gibt der Sache einen Sin, auch wenn sie Unsinn ist.

    Also ein großer Teil der Spieler von CoD Battlefield und anderen Shotern und Kampf-Simulationen
    befriedigt nur seinen Urinstinkt und ist sich dessen meist nicht bewusst.

    Ich Persöhnlich habe für das Ego-Shoter Genre nicht viel übrig und werde mich auch in SC bei so was
    so weit wie möglich raus halten.
    Was aber nicht heißen soll das ich nicht bereit und darin geübt bin mich zu verteidigen ( ;-))

    Wir werden dann mal später im SC Verse sehen welcher Typ Spieler länger seinen Charakter am leben halten kann, der offensive Draufgänger Typ der immer die Waffe locker sitzen hat oder der Bedachte vorausschauende Typ der versucht durch SC zu kommen ohne an jeder Ecke im Verse seine Leichen zu hinterlassen.

    Ich bin echt drauf gespannt wie die ersten Tage aussehen werden nachdem der Permadeath eingeführt wurde.

  • Witherhide

    Ich denke, man muss zwei Fragen unterscheiden.

    1. Warum spielen wir überhaupt?

    Ein Teil sucht Entspannung bei relativ monotonen Spielen, die einer Meditation gleichen. Ein anderer Teil möchte seine Fähigkeiten testen und ggf. unter Beweis stellen. Vielleicht möchte man Adrenalin spüren, aber – und das ist gleichzeitig Segen und Fluch eines jeden PC-Spiels – gleichzeitig keine (ernsthaften) Konsequenzen fürchten.

    2. Warum hierzu eine Kriegssimulation (und kein FIFA)?

    Meiner Meinung nach ist die Antwort auf diese Frage relativ banal: Kriege können Unterhaltung sein. Und zwar genau dann, wenn sie mit keinerlei Konsequenzen verbunden sind – wie in einer Simulation. Vielleicht findet man die (militärischen) Strategien und Taktiken spannend, vielleicht arbeitet man gerne in einem Team.
    Wenn ich es auf einen Satz runterbrechen müsste, so würde ich sagen: es macht keinen Unterschied, ob man Krieg oder FIFA spielt. Beides bleibt ohne Konsequenzen. Beides ist ein Spiel, jeweils einer anderen Sportart. Solange man sich bewusst ist, in einer Simulation zu sein.

    Und damit zu dem Punkt, der mir besonders am Herzen liegt. Ich muss aus dem Computersessel aufstehen können und wieder in der richtigen Welt sein – mit ihren moralischen und ethischen Werten, unter denen ein Krieg eine ernste und furchtbare Sache ist, Fußball aber noch immer ein Spiel (obwohl hier wohl einige widersprechen mögen).

    Um nochmal den Bogen zum Essay zu spannen: Wenn meine Spielfigur zu sterben droht, verarbeite ich damit keine Todesängste. Ich habe Angst, mein Team zu enttäuschen, Loot zu verlieren, zu scheitern. Aber ich würde immer so stark zwischen Spiel und Wirklichkeit unterscheiden, dass sich reale Ängste im Spiel – so behaupte ich – nicht verarbeiten lassen. Und vielleicht ist das auch besser so.

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