Fan Fiction: Blackout

Wir freuen uns sehr, euch heute eine Fan Fiction Story unserer Partner Organisation „Das Kartell“ zu präsentieren. Der Titel lautet “Blackout”.  Die Geschichte stammt von  Madwag.

Vielen Dank!

Euer SCNR Team wünscht euch gute Unterhaltung!


Sie passierten das Wrack in gut 800 Meter Abstand. Eigentlich konnte man nicht mehr von einem Wrack sprechen, denn der instabile Subraum hatte schon längst sämtliche Materie zersetzt und was zurückblieb, war vielmehr eine Absenz. Ein dunkles, waberndes Fehlen von etwas, das – wie der gesunde Menschenverstand hartnäckig beharrte – eigentlich da sein müsste. Ein Loch in der Realität. Und als wäre das nicht schon unbegreiflich genug, hatte dieses Loch die Umrisse einer Constellation. Baujahr 2888 schätzte er. Sie waren viel zu weit vom sicheren Kurs abgekommen und in den instabilen Subraum gedriftet, der den Proto-Sprungkorridor umgibt. Aus diesem Abstand war nicht zu erkennen, was das Unglück ausgelöst hatte, und Kapitän Sarev verspürte nicht den geringsten Wunsch, sich das näher anzusehen. Unter Tiefenraumforschern erzählt man sich, dass die Zeitdilatation dort draußen dazu führt, dass die armen Seelen bis in alle Ewigkeit vor Schmerzen schreien, in einem niemals endenden Prozess der Auflösung begriffen. Die Schauermärchen der neuen Pioniere.

„Wir sind die Ersten. Jetzt bloß keine Fehler!“

Der Sprungkorridor war bislang relativ breit gewesen. Das einzige Risiko war die ungewöhnlich hohe Instabilität, die dazu führte, dass der Sprungkorridor sich bei Kontakt mit Materie rasch wieder auflöste. Man bewegte sich daher besser schnell genug, um einen sicheren Vorsprung vor dem um sich greifenden Auflösungsprozess zu behalten. Die Erforschung eines neuen Sprungkorridors war stets ein Rennen gegen die Zeit.

„Das war bisher zu einfach. Da kommt noch was, ansonsten wäre das Ding schon lange auf allen Sternenkarten eingezeichnet“, unterbrach Navigator McKay die Gedanken des Kapitäns.

„Peilung!“

Auf Kurs. Sechzehn Sekunden bis zum nächsten Segment, vier Prozent vor der Instabilität. McKay hatte die Zurechtweisung verstanden. Unaufmerksamkeit würde sie beide töten. Im besten Fall.

„Haben wir Sensordaten für Segment 8?“

„Zwölf Sekunden bis Segment 8, aber ich bekomme nichts rein.“

„Unmöglich. Einengen und filtern.“

„Nur Rauschen. Fünf.“

„Festhalten. Jetzt wissen wir, warum wir die Ersten sind.“

Die Zweifel daran, ob sie wirklich die Ersten sein würden, behielt der Kapitän für sich. Das Protokoll sieht vor, dass das nächste Sprungsegment spätestens fünfzehn Sekunden vor dem Kontakt gescannt und programmiert ist. Man springt nicht blind. Niemals.

„Kontakt! Segment 8.“

Die Sensoren füllten die Bildschirme mit einem hektischen Geflimmer neuer Daten.

„Partieller Kollaps. Etwa 90 Prozent. Es wird eng, keuchte der Navigator. Berechne Kurs. Teilweise Überlappung mit instabilem Subraum möglich.“

Die Kursdaten erschienen auf der Anzeige des Kommandanten. Das war also der Grund. Ab hier war der Korridor nicht nur instabil – er war auch schmal und auf eine Übelkeit erregende Art und Weise in sich selbst verwunden. Und dann war da noch das Problem mit den Sensoren – aber dafür war momentan keine Zeit. Der bislang gerade, breite Sprungkorridor war einem engen, unübersichtlichen Tunnel mit haarsträubenden Ecken und Windungen gewichen. Einem Albtraum für Piloten. Zum Glück war die Freelancer genau für diese Aufgabe gebaut worden. Die Triebwerke, die als Hybrid aus menschlicher und außerirdischer Technologie produziert wurden, waren in der Lage, das Schiff sicher durch die engsten Windungen zu führen.

Ob sie dem auch gewachsen sind, fragte sich Sarev. Die Triebwerke heulten hysterisch auf, als das Heck der Freelancer aus dem viel zu schmalen Korridor ausbrach. Vom Heck der Freelancer, wo der Zersetzungsprozess die Panzerung des Schiffs auf subatomarer Ebene zerstörte, stob ein opalisierender Kometenschweif in die Dunkelheit.

„Mikrofrakturen. Das wird nicht halten…!“

Erschütterungen und das Kreischen von berstendem Stahl hallten durch das Schiff, während es schlingerte und auszubrechen drohte. Der Steuerbordtank und ein großer Teil des Triebwerks rissen ab und wurden gierig von der Dunkelheit verschlungen. Die Achterbahnfahrt durch den schmalen Korridor endete, als hätte er nie existiert und der angeschlagene Freelancer driftete vorwärts, während hinter ihm der instabile Subraum weiter um sich griff.

Fast wie zu sich selbst murmelt Sarev: „Wir überzeichnen. Noch immer kein Zeichen von Segment 9?“

„Kein Signal. Ich erweitere den Suchbereich. Meine Güte…!“

Es war direkt über ihnen. In der trügerischen Sicherheit des sich erweiternden Sprungkorridors waren sie zu weit voran gedriftet; vorbei an der sicheren Passage. Ohne nachzudenken, riss Sarev das Steuerhorn herum. Er wusste sehr genau, was das bedeutet und er wusste, dass er nur diesen einen Versuch hatte. Die g-Kräfte trafen die Besatzung wie ein Hammerschlag und machten das Atmen, schon das bloße Existieren, zu einer übermenschlichen Anstrengung. Der semitransparente Übergang zu Segment 9 glitt langsam von oben in das sich verengende Sichtfeld. Mit letzter Kraft und bis zum Zerreißen angespannten Muskeln löste Sarev den Nachbrenner aus. Danach umfing ihn gnädige Dunkelheit…

„Mit der Hornet musst du driften. Fliegt sich wie ein Truck, aber solange die Nase in die richtige Richtung zeigt und der Nachbrenner an ist, kann nicht viel schiefgehen. Und immer schön quer durch’s Tor.“

Sarev hatte schon mehrere Runden mit dem Schleudersitz beendet. Die Versicherung würde überschnappen, wenn sie diese Rechnung zu sehen bekäme. Vermutlich würde sie alle möglichen Vorwände erfinden, um ihm über Monate kein Ersatzschiff schicken zu müssen. Aber das eine hatte er noch und das war gut. Bisher war die Runde perfekt gewesen – nicht außen um die Gebäude herum, sondern mitten durch. Man musste die Hornet querstellen, um überhaupt durchzupassen. Aber wie sonst sollte man die unglaublichen Zeiten schlagen, die andere schon aufgestellt hatten. Bei der diesjährigen Ausgabe des Yardstick Rennens der Auriga Staffel ging es um etwas. Ein brandneuer Freelancer wartete auf den Gewinner. Und dazu eine Ausstattung, die wie dafür gemacht war, die Tiefen des Alls zu erforschen. Kein übler Preis.

Old Vanderval ist kein besonders schwieriger Kurs, wenn man die ersten Tore sauber hinbekommen hatte. Und das hatte er. Sarev dröhnte auf Tor 7 zu und seine Zeit war fantastisch. Er musste sie nur noch in einem Stück ins Ziel bringen. Angepeitscht durch die Anfeuerungen des Ansagers und das hysterische Kreischen der Zuseher ließ er die Hornet besonders spektakulär durch das nächste Tor driften; riss sie herum, um die Kehre zu Tor acht zu erwischen. Von Vibrationen erschüttert, mühte sich das Raumschiff durch die Kurve, während die g-Kräfte auf den Piloten wirkten. Aber Sarev verstand sein Geschäft. Statt einen sicheren Bogen zu fliegen, wählte er den direkten Weg und zwang das Raumschiff mit Nachbrenner auf einen unmöglichen Kurs.

„Ich muss nur durch das Tor… ich brauche dabei nicht wach sein…“, dachte er unzusammenhängend, bevor sein Bewusstsein in der Dunkelheit der Ohnmacht versank…

Eine Dunkelheit, durchsetzt vom dem Applaus der Menge, einem rauschenden, zischenden Geräusch. Und dem beißenden Geruch verschmorter Kabel. Und dem Plärren einer Alarmsirene. Sarev war nicht in Old Vanderval und der schmorende Kabelbrand im Cockpit des Freelancers war auch kein Applaus.

McKay hing noch immer ohnmächtig in den Gurten, aber zumindest war er nicht schwer verletzt und soweit es die trägen Rotationen des Freelancers um alle drei Achsen erlaubten, konnte Sarev durch die Risse in der Panzerscheibe in einen noch nie zuvor kartografierten Nebel blicken.

„Eigentlich hatte ich gehofft, das Schiff würde länger halten. Aber was soll’s. McKay! An den Funk! Sag‘ der Bergungsgruppe, wir brauchen jemand, der uns abschleppt!“



// End Transmission

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